Perspektivenwechsel gefällig? Netzwerken verbindet

 
Migration - ein viel geplagtes Wort. Migration - von Konzepten, ließe sich aber auch als positiver Transfer lesen. Von künstlerischen Arbeiten (Film, Video, Installationen) an Schnittstellen interkultureller Kommunikation.

Manchmal tut's auch ein Perspektivwechsel, damit Menschen anderer Arbeitsbereiche wie auch Kulturen miteinander zufriedenstellend umgehen. Wie Netzwerke gestärkt werden können, um die soziale Kompetenz zu fördern, diskutierten:
 
Sudabeh Mortezai ... Filmemacherin, »Im Bazar der Geschlechter«
Ulli Gladik ... Filmemacherin, »Natasha«
Lena Lapschina ... Künstlerin, »1000 mm/oder Das Schlafzimmerfenster«
Barbara Waschmann ... »normale.at« - gesellschaftspolitische Filmvorführungen
Gerda Lampalzer ... Medienkünstlerin, »Transformation«
Eva Brunner-Szabo ... Fotografie, Video und multimediale Arbeiten, »memoryPROjECTS«
 
Begrüßung: Direktorin Kunstraum Niederösterreich Christiane Krejs 
Moderation: Sabine Perthold & Brigitte Mayr
 
Donnerstag, 18. November 2010,18.30 Uhr
Kunstraum Niederoesterreich, Herrengasse 13,1010 Wien

Fotodokumentation: Herti Hagen  -  Unterstützt von: Kunstraum Niederösterreich, Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Kultur Niederösterreich.
 




PERSPEKTIVENWECHSEL GEFÄLLIG?

Ein Bericht von Sabine Perthold


Am 18. November folgten wir der Einladung von Dr. Christiane Krejs, Direktorin des Kunstraums Niederösterreich, wo zum Zeitpunkt unserer Veranstaltung die polarisierende Ausstellung „Mit uns ist kein (National) Staat zu machen“, zu sehen war. Im Fokus standen künstlerische Annäherungen an migrantische Lebensbedingungen und Möglichkeiten realpolitischer Interventionen.

Darauf bezugnehmend luden wir Filmemacherinnen (Sudabeh Mortezai, Ulli Gladik), Medien-/Video-/Künstlerinnen (Gerda Lampalzer, Eva Brunner-Szabo, Lena Lapschina) und die Festivalleiterin Barbara Waschmann („normale.at“ – gesellschaftspolitische Filmvorführungen) ein, Vorschläge zu diskutieren, in denen es um einen Perspektivwechsel in Hinblick auf Migration geht. Aus kuratorischer Sicht machte es für uns Sinn, die in der Ausstellung vertretene Künstlerin Lena Lapschina in die Veranstaltung FRAUEN ARBEIT FILM einzubinden.

Wir erweiterten den Begriff von seiner ursprünglichen Bedeutung (= „migrare“ für Wegziehen, also Wanderbewegungen) um die Dimension einer „Migration von Konzepten“ (= aus einem Bereich des Kunstschaffens in ein anderes Format) – sozusagen als positiver Transfer von künstlerischen Arbeiten (Film, Video, Installationen) an Schnittstellen interkultureller Kommunikation. Ziel war es, ein Gegengewicht zu herkömmlichen rassistischen und sexistischen Vorurteilen zu entwerfen, gewohnte Trampelpfade zu verlassen und so einen anderen Blick auf unsere Welt zu werfen – jenseits von willkürlich gezogenen Grenzen auf dem Globus und in unseren Köpfen.

Der Abend stand unter dem Motto „Perspektivwechsel gefällig? Netzwerken verbindet“. Ausgewählte filmische Arbeiten der Referentinnen zeigten ein breites Spektrum an Optionen, wie der Blickwinkel geschärft wird durch das Einnehmen anderer Perspektiven. „Wie fühlt es sich an, einmal die Schuhe der anderen anzuziehen?“ Daraus wurden Strategien entwickelt, die den Abbau von Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit bewirken.

Wie das Netzwerken in der Kunst, den Medien, im Film gehandhabt wird, könnte auch ein verbindliche Angebot für Lösungsvorschläge sein, um dieses wichtige und uns alle betreffende Thema angemessen in unseren Alltag zu integrieren; und um „Schluss zu machen mit der Integrationsdebatte“, wie Elfriede Jelinek, Robert Menasse, Dimitré Dinev und weitere 125 Intellektuelle kürzlich in einem offenen Brief forderten, weil: „das ständige Sprechen über Integration ein angebliches Anderssein reproduziert und Teile der Gesellschaft unter Generalverdacht stellt“.

 

Künstliche Sprachbarrieren


Die erste Referentin, Medienkünstlerin Gerda Lampalzer versteht Sprache als Ort der intellektuellen Migration. Sie zeigte einen Ausschnitt aus ihrer Arbeit „Transformation“ aus dem Jahr 2009. In diesem Kunstprojekt hören wir zunächst Interviews in tschechischer, slowakischer, ungarischer, slowenischer und italienischer Sprache.
Obwohl es unsere unmittelbaren Nachbarn sind, verstehen wir ihre Sprache nicht“, erklärt die langjährige leitende Mitarbeiterin der Medienwerkstatt Wien ihren Projektzugang. „Ein Phänomen jedoch ist, dass wir uns bei näherem Hinhören bemühen, im Fremden etwas uns Vertrautes herauszuhören. Wir konzentrieren uns darauf, vermeintlich bekannte Wortfetzen oder lautliche Assoziationen herauszufiltern, an denen wir uns orientieren können. Dadurch wird die >Fremdsprache< vertraut und einordenbar.“ Also „zerschnipselte“ Lampalzer die genannten Sprachen in kleinste Einheiten und setzte sie neu zusammen. Durch diese Transformationen am Schneidetisch verschmolzen diese Sprachen tatsächlich zu einer und klangen „Deutsch“.

Lampalzer thematisiert aber auch, dass es „am Schneidetisch wahnsinnig einfach ist, den Protagonisten Texte unterzujubeln, ihnen etwas in den Mund zu legen, ohne dass es die ZuseherInnen merken.“

 

Aufbrechen der einseitigen „Main-Stream“-Medien


Sind es bei Lampalzer die lautlichen Strukturen einer Sprache, die sie zu einem neuen Kontext montiert hat, so ist es bei Barbara Waschmann die Selektion von medialen Inhalten, die sie zu neuen Erkenntnissen von gesellschaftspolitscher Brisanz zusammenfügt.
Normal ist, was uns die Medien aus gutem Grund an Informationen vorenthalten“, lautet Barbara Waschmanns Eingangsstatement. „Dabei ist es doch für unser aller Zusammenleben immens wichtig, was beispielsweise Frontex (Grenzschutzpolizei der EU) oder GATS (Dienstleistungsabkommen der Welthandelsorganisation, das den grenzüberschreitenden Handel mit Dienstleistungen regelt) treiben.“ Also suchte sie sich eine Plattform, von der aus sie gezielt über zivilgesellschaftlich relevante Informationen und gesellschaftliche Zusammenhänge berichten kann. 2003 gründete sie das gesellschafts- und wirtschaftspolitische Dokumentarfilmfestival, die „Normale“, das sie seitdem leitet. Die Schwerpunkte lauten u.a. „Migration“ oder „Hunger.Macht.Profite“ (Recht auf Saatgut, Recht auf Land).

Barbara Waschmann, die sich auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene engagiert, appelliert an jede/n, sich als verantwortungsbewusster Informations-, Vernetzungs- und Koordinationsknoten innerhalb unserer Zivilgesellschaft zu begreifen: „Indem Menschen über die Realität ihres Lebens reflektieren und ihre eigene Geschichte dokumentieren, fließen Informationen. Dank der 'Camcorder-Revolution' richten Filmschaffende und Medien-AktivistInnen weltweit die Kamera auf die Realität – auf das Normale. In einer Zeit, da sich die Produktionsmittel in den Händen von Privatpersonen befinden, ist es leicht, die eigene Meinung einer größeren Community zugänglich zu machen. Dadurch kommt es zu einer Veranschaulichung von so manchen Aspekten, die in >Mainstream<-Medien kaum oder nie vorkommen.“ - Die Unabhängigkeit von Organisationen und Institutionen garantiert Waschmann dabei die freie Sicht, die ein solches Unterfangen wie die „Normale“ benötigt.

2004 entstand die „Junge Normale“ für SchülerInnen ab 8 Jahren. Gezeigt werden gesellschaftspolitische Dokumentationen, die im Kinosaal diskutiert werden. „Heutzutage lauern vor den Schulen Leute, die die Jugendlichen mit fremdenfeindlichen Parolen abholen wollen, um sie als Wahlvolk zu rekrutieren. Dem wirken wir entgegen, indem wir den Jugendlichen das Gefühl der Informiertheit vermitteln, und ihnen zeigen, was man aktiv gegen politische Missstände tun kann. Deshalb laden wir nach den Schulfilmprogrammen jene NGOs, die zum jeweiligen Thema aktiv sind, wie Amnesty International (Menschenrechte), Attac, (Börse, Finanzmarkt), Global 2000 (Umweltthemen) oder Frauensolidarität (Frauenanliegen), ein, ihre Infos weiterzugeben.“

Abschließend fordert Waschmann eine Verschränkung von Medienpädagogik und politischer Bildung in der Schule, die „auf individuelle Eigenreflexion und auf Mitverantwortung abzielt.“

 

„Herausholen aus der Anonymität“


Einschlägige Medien steigern mit reißerischen Aufmachern wie „Bettelmafia aus Osteuropa“ immer noch erfolgreich ihre Verkaufszahlen. Dem wollte Ulli Gladik ein Stück Realität entgegensetzen, indem sie den Film „Natasha“ drehte. Er zeigt den Alltag der gleichnamigen Bulgarin, die nach Graz fährt, um zu betteln. „BettlerInnen erzeugen Scham und machen Angst“, so die Dokumentarfilmerin Gladik, „man will sie nicht sehen, weicht aus und hat alle möglichen Vorurteile. Mit dem Film wollte ich einen Menschen aus dieser Anonymität herausholen und zeigen, wer das ist.“

Die langwierige Genese des Filmprojekts stellte Gladiks Durchhaltevermögen auf eine harte Probe: „2003 war ich als Austauschstudentin für ein Jahr in Sofia. Danach lernte ich auf der Wiener Mariahilfer Straße einen bulgarischen Bettler kennen, der mir seine Lebensgeschichte erzählte. 2004 schrieb ich das Konzept und reichte es ein.“ Die Freude über die Förderzusage wurde allerdings durch zwei Fakten getrübt: 1.) Ulli Gladik war schwanger, 2.) ihr Protagonist war eben abgeschoben worden.

So begab sie sich mit dem Kinderwagen auf die Suche nach einer neuen Protagonistin – und lernte Natasha beim Betteln in Graz kennen. „Nach vielen Gesprächen besuchte ich Natasha in ihrer Heimatstadt Bresnik, einem ehemaligen Industriestandort in der Nähe von Sofia und wohnte damals mehrmals jährlich für einige Tage bei ihr. So gewann ich auch das Vertrauen ihrer mit ihr lebenden Eltern und ihres kleinen Sohnes.“

Der Film zeichnet das Leben der jungen Bulgarin auf: ihre Reisen, ihre Arbeit als Bettlerin, das Grazer Quartier, ihr Umgang mit der (nicht nur physisch spürbaren) Kälte, ihr Familienleben und ihren Alltag in Bulgarien. - Aufgrund des knappen Filmbudgets von EURO 32.000 reiste Gladik mit der Bahn zu den jeweiligen Drehorten: „Ich war immer allein am Set, da ich mir weder ein Kamerateam noch einen Sound Designer leisten konnte.“

2008 wurde die Langdoku auf der Diagonale präsentiert und ein Spendenkonto eingerichtet, so dass Natasha für einige Zeit nicht mehr betteln gehen musste. Heute näht sie Taschen in Bulgarien und schickt sie nach Graz, wo sie innerhalb eines Sozialprojektes vertrieben werden.

 

Work in progress: Gegen das Vergessen arbeiten


Die Medienkünstlerin Eva Brunner-Szabo hat es sich zum Ziel gesetzt, dem Vergessen – einer speziellen „österreichischen Tugend“ – den Kampf anzusagen. Denn „mit dem Verschweigen und Vergessen trete Stillstand ein“. Aus diesem Grund realisierte die langjährige Mitarbeiterin der Medienwerkstatt Wien gemeinsam mit Gert Tschögl zahlreiche Projekte über die tragische Zeitgeschichte des Nationalsozialismus, erarbeitete Konzepte des sozialen Handelns und führte künstlerische Interventionen durch, in die sie realpolitische Faktizitäten einbezogen hat. – Das Generalthema ihrer Arbeiten sind Erinnerungsräume. „Damit meine ich nicht den topographischen Raum“, erklärt Brunner-Szabo, „und auch keine Gedenkstätten oder Denkmäler, sondern ich setze den eigenen Körper als Erinnerungsraum ein.“

Seit Herbst 1997 werden diese Arbeiten unter dem Label memoryPROJECTS subsumiert. memoryPROJECTS agiert wie ein Museum ohne Gebäude, das temporär in den öffentlichen Raum eindringt und sich der klassischen Aufgaben eines Museums – finden/sammeln, erhalten/archivieren, präsentieren/vermitteln – annimmt.

Das Projekt Namen erinnern thematisiert die Vertreibung der Juden aus dem Burgenland. Die gebürtige Oberwarterin Brunner-Szabo recherchierte und entwickelte eine Website, die seit November 2009 online ist. Diese Website fungiert als „virtueller Gedenkraum“ für diejenigen, die vertrieben worden sind. „Die Namen sollen dem kollektiven Gedächtnis und den Erinnerungen wieder zurückgegeben werden.“

Ausgehend vom individuellen Schicksal, sammelt Eva Brunner-Szabo in all ihren multimedialen Projekten zwischen Kunst und Wissenschaft Puzzlesteinchen, die sie neu zusammensetzt und dadurch ein fragmentarisches Bild einer Gedankenlandkarte zu unserer Zeitgeschichte und den kollektiven Erinnerungen generiert.
Als Künstlerin, die nicht müde wird, Erinnerungsräume aus den Tiefen des kollektiven Verdrängens hervorzuholen, hat Eva Brunner-Szabo ein Zitat von Peter Burke1) parat, das ihre Position in der Gesellschaft treffend beschreibt: „Einst gab es in England einen Beamten, der den Titel Remembrancer trug; in Wahrheit war dies ein Euphemismus für den Schulden-Eintreiber. Es gehörte zu seiner Pflicht, die anderen an das zu erinnern, was sie selbst gern vergessen wollten. Auch ich sehe meine Arbeit als Remembrancer, nämlich die Menschen an das zu erinnern, was sie lieber vergessen wollen.“  ( Peter Burke: Geschichte als soziales Gedächtnis, in: Kai Uwe Hemken (Hg), Gedächtnisbilder. Vergessen und Erinnern in der Gegenwartskunst, Leipzig 1996, S. 92-112, S. 109.)

 

Mikrokosmos als Sinnbild der weiten Welt


Was veranlasst eine 40-jährige Künstlerin, zwei Jahre lang aus ihrem Fenster mit einem 1000 Millimeter Teleobjektiv Fotos zu schießen? Das Festgenageltsein an einen Ort. Lena Lapschina stammt aus Kurgan, einer Stadt in Westsibirien, an der Strecke der Transibirischen Eisenbahn gelegen. 1995 hat es sie ins 4.000 Kilometer entfernte Österreich verschlagen, wo sie im Zuge ihres Einbürgerungsprozesses zwei Jahre lang auf ihren Pass warten musste. Diese Zeit hat sie genützt, um über 2.000 Fotos zu machen, gemäß ihres augenzwinkernden Verständnisses über die Funktion einer Künstlerin: „To make something from nothing. First there was nothing and then – look – the art is there.“ In ihrem Fall entstand aus der Not eine Fotoserie, die Kutscher, Kampfhunde, Kinder, Lieferanten, Flugzeuge, Liebeleien und Reiberein auf der Straße – kurz Alltagsgeschichten aus der Vogelperspektive zeigt. „Es ging mir nicht um Paparazzitum, sondern um ein Projekt an der Schnittstelle zwischen Privatem und wissenschaftlicher Untersuchung des öffentlichen Raums aus der Perspektive des 7. Stocks.“ In Ermangelung eines Fensters zum Hof, blickte sie aus ihrem Schlafzimmerfenster, unter dem sich die Backstage-Einfahrt einer Veranstaltungsarena befindet. So liefen ihr manchmal auch einige Stars vor die Linse.

Die Multi-Media-Künstlerin hat die so entstandenen Bilder auf mehr als 1 Meter vergrößert und mit Musik unterlegt. Aus diesem Material montierte sie eine 22-minütige Bilderfolge mit dem Titel „1000 mm/ oder Das Schlafzimmerfenster“, die in einer Doppelbilderschau auf zwei Leinwänden im Rahmen der Gruppenausstellung „Lebt und arbeitet in Wien“ 2005 in der Kunsthalle Wien zu sehen war. Als Lapschina diese Arbeit in Bukarest zeigte, war das Publikum verstimmt, „weil es dachte, ich will Bukarests Vorstadt-Tristesse denunzieren. Als ich ihnen erzählte, dass das Wien sei, waren sie richtig erleichtert.“ Vorstadtgrau bleibt Vorstadtgrau und Suburbia bleibt Suburbia – „egal, ob in Wien oder Moskau“, so Lapschina. Die russischösterreichische Künstlerin war unser „Bindeglied“ zur damals laufenden Ausstellung „Mit uns ist kein (National) Staat zu machen“ im Kunstraum NOE, wo sie mit ihrem Projekt „C-Level“ vertreten war. Der Titel bezieht sich auf einen Terminus aus der Wirtschaft (Chief-Level), der dazu dient, die höchsten ManagerInnen eines Betriebes mit CEO oder CFO zu benennen. Lena Lapschina setzt diese Begriffsverwendung in Relation zur Situation von Asylsuchenden und prekären Verhältnissen, die uns alle betreffen.

Als zweites Arbeitsbeispiel brachte die Künstlerin und Kulturwissenschafterin in Personalunion einige Kürzestfilme mit dem Titel „17 Sekunden Kunst“ zu FRAUEN ARBEIT FILM mit. Dieses Projekt besteht aus unzähligen Kurzvideos, die in exakt 17 Sekunden skurille, in sich geschlossene Geschichten erzählen. Diese humorvollen Kleinode waren 2010 im ORF-Spartensender TW1 als sogenannte „Programmnähte“ (= Bindeglieder zwischen den Sendungen) zu sehen, wo sie für Irritationen sorgten: „Ich wollte mit diesem Format die TV-Gewohnheiten des Publikums sprengen: Zappen geht nicht, man muss dranbleiben; und kurz rauslaufen, um die Brille zu holen, geht auch nicht, denn dann sind die 17 Sekunden schon vorbei.“ 

 

Vermittlerin zwischen den Welten


Ehebruch wird im Iran mit Steinigung und Unzucht mit 100 Peitschenhieben bestraft. Um diesen rigorosen Strafen zu entgehen, wird im Iran das Modell der sogenannten „Zeit-Ehe“, auch „Lust-Ehe“ genannt, praktiziert. Sie ermöglicht die befristete Heirat von einer Frau mit einem Mann. Die vereinbarte Zeitspanne kann nur eine Stunde, aber auch 99 Jahre dauern. Ursprünglich als Legalisierung von Prostitution angedacht, dient diese Regelung nun auch als Schlupfloch für Paare, die innerhalb des repressiven Sittenkodex der islamischen Republik Iran Sex haben wollen. Sie bezahlen einen ausverhandelten Betrag an den Mullah und erhalten dafür einen Ausweis, der es ihnen beispielsweise erlaubt, auf Urlaub ein gemeinsames Hotelzimmer beziehen zu dürfen.

Darüber wollte die Regisseurin und Produzentin Sudabeh Mortezai einen Film drehen, was sich als schwieriges Unterfangen herausstellte. „Niemand wollte vor die Kamera treten, weil es eine verpönte Praktik ist. Über ein Jahr musste ich eine Frau suchen, die den Mut hatte, zu diesem Tabu zu stehen.“ Das Filmprojekt "Im Bazar der Geschlechter" hat sich im Laufe der Dreharbeiten sehr verändert, aber die Grundprämisse ist gleich geblieben: Mortezai wollte etwas über Geschlechterbeziehungen im Iran erzählen und hoffte darüber hinaus, „dass das Kino-Publikum auch einige Dinge aus der eigenen Gesellschaft wiedererkennt, dass es kein Film über das sogenannte Fremde bleibt; auf keinen Fall soll meinem Film etwas Exotisches anhaften.“

Erzählt wird aus drei Perspektiven: einer weiblichen, einer männlichen und einer theologischen. „Es gibt viele Momente im Film, in denen die Mullahs entsetzliche, frauenfeindliche Dinge sagen, über die ich als Privatperson sehr wütend werden müsste. Als Filmemacherin muss ich mir das verkneifen – auch wenn die andere Meinung meiner diametral widerspricht. Um unparteiisch bleiben zu können muss ich im Vorfeld akzeptieren, dass ich jedem Protagonisten den Raum für seine Meinung geben muss“, erzählt Mortezai über ihren inneren Kampf als Regisseurin. Nur so ist ein Perspektivwechsel ohne Verfälschung möglich.

Um mehr Zeit für Gespräche mit den Protagonisten zu haben und so eine Vertrauensbasis aufbauen zu können, entschied sich Mortezai für ein iranisches Filmteam. „Kamera und Ton zu machen, hätte mich überfordert, weil ich ohnehin schon eine Doppelposition innehabe: Ich bin ursprünglich aus dem Iran, spreche die Sprache perfekt, kenne die kulturellen Feinheiten; ich bin aber auch Österreicherin, stehe also irgendwo dazwischen. Wenn ich im Iran bin, kann ich meine Landeskenntnis nützen, um Nähe herzustellen. Die Resultate meiner Recherchen versuche ich dann in meine andere Kultur zu übersetzen. Ich sehe mich als Vermittlerin.“

Sudabeh wurde als Kind iranischer Eltern in Deutschland (Ludwigsburg) geboren, hat bis zum 12. Lebensjahr im Iran gelebt und ist dann mit ihrer Familie emigriert. In den USA absolvierte sie an der University of California, Los Angeles (UCLA) ihr Filmstudium. Was Sudabeh Mortezai an der aktuellen Integrationsdebatten Österreich stört, ist das Faktum, dass das vielgepriesene „Wir alle“ keinen Platz für sie bereit hält: „Es ist äußerst problematisch, wenn jemand wie ich – eine halbe Iranerin – etwas Kritisches über Österreich sagt; dann kommen oft extrem aggressive Reaktionen drauf, dass ich gefälligst meinen Mund halten soll. Von mir wird erwartet, immer aus der Perspektive des „Anderen“ zu sprechen – aus der Position des Iran, des Islam, der Exotin usw. Das verweigere ich. Ich beanspruche für mich das Recht, auch ein Teil dieses 'Wir' zu sein und es mitgestalten zu dürfen“.


 

Zitate aus der anschließenden
Diskussion zum Thema Netzwerken:
 


Um sich Freiräume zu erkämpfen, haben sich einige der Panelteilnehmerinnnen eigene Strukturen geschaffen wie zum Beispiel die Medienwerkstatt Wien, ein eigens Festival (Normale) oder eine eigene Produktionsfirma (Freibeuter).

Gerda Lampalzer verweist auf die Strategie des KünstlerInnenkollektivs: „Die Medienwerkstatt Wien wurde ursprünglich als Gegenöffentlichkeit gegründet, als Ort, wo der künstlerische Dokumentarfilm gezeigt und Medienkunst vermittelt wird. Wir wollten uns gemeinsam einen hierarchielosen Freiraum schaffen. Im Verbund erkämpft man leichter Fördermittel, Produktionsmittel, Infrastruktur wie Schnitträume und man erreicht in der Gruppe mehr Öffentlichkeit.
Diese Strategie veraltet nicht – ich empfehle, sich zusammenzuschließen und gemeinsam für etwas zu arbeiten
.“

Sudabeh Mortezai erzählt, wie es zu der Gründung der Produktionsfirma Freibeuter kam: „Es dauert 3 bis 4 Jahre, bis ein Filmprojekt realisiert werden kann. Man verbringt viel Zeit mit Warten auf die Förderungsbescheide. Ich will zwar nicht jammern, da ich in den USA, wo ich länger gelebt habe, solche Filme überhaupt nicht realisieren könnte, weil es dort keine Finanzierungsmöglichkeiten gibt.
In Österreich finde ich es problematisch, dass sich bei den niedrig budgetierten Dokumentarfilmen die Regiegagen in einer lächerlichen Höhe befinden. In dem Rhythmus, in dem man diese Art von Filmen realisieren kann, kann niemand davon leben. Meine Überlebensstrategie ist es, andere Jobs zu machen. Ich kann vom Filmemachen nicht annähernd überleben. Für das Ansehen des Berufsbildes ist es katastrophal. Frauen trifft es noch stärker, weil sie einerseits weniger netzwerken in Ermangelung von Clubs, wie sie Männer pflegen. Andererseits kriegen Frauen ohnehin nur die kleineren Projekte bewilligt. Der Spielfilm mit seinen hohen Gagen ist fest in Männerhand.
Ich empfinde es als beschämend, am Rand des Prekariats zu leben, obwohl man professionelle Filme macht und ein Filmteam bezahlen muss
.“

Ulli Gladik hat sich für ihre neueste Doku über die Profitinteressen von Einkaufszentren eine Produktionsfirma gesucht. „Das ist einerseits sehr angenehm, da mir die Finanzierung abgenommen ist, andrerseits steht bei dem Posten für meine Regie der Zeitrahmen von 30 Wochen und daneben ein sehr kleiner Betrag – im Vergleich zu allen anderen Posten wie beispielsweise Kamera oder Schnitt. Obwohl alle mehr verdienen als ich, muss ich immer zur Verfügung stehen, um den Trailer zu schneiden, das Konzept umzuschreiben, für Pitchings im Ausland, Kontakte zu den Protagonisten zu pflegen etc. Immer, wenn sich während des Entstehungsprozesses etwas an der Ausrichtung des Projektes verändert, werde ich angerufen. Ich muss allzeit bereit sein und kann deshalb derzeit unmöglich einen anderen Job annehmen.“
Die Filmemacherin wünscht sich von den Fördergebern, dass die Höchstgrenze der Regiegage bei Projekten mit kleinerem Produktionsbudget überdacht wird.

Direktorin Christiane Krejs berichtet, dass sie im kommenden Jahr mit Budgetkürzungen rechnen muss. Dennoch ist es ihr Bestreben, dass den ausstellenden KünstlerInnen nach der Produktion ihrer Arbeiten ein wenig Geld von ihrer Gage übrig bleiben sollte. Das sei insbesondere bei schwer verkäuflichen Kunstwerken Installationen oder Konzeptkunst wünschenswert. „Allerdings muss ich mir als Ausstellungsmacherin in Zukunft überlegen, ob ich 6 Ausstellungen pro Jahr mache und somit möglichst viele KünstlerInnen in der Öffentlichkeit präsentiere oder ob ich nur 2 mache und dafür die KünstlerInnen besser bezahlen kann.“

Lena Lapschina ergänzt, dass sie im gesamten zentraleuropäischen Raum nur sehr wenige KünstlerInnen kennt, die von ihrer Arbeit leben können.

Barbara Waschmann kommt nochmals auf den Umgang unserer Gesellschaft mit Bildung und Information zu sprechen: „Die Gretchenfrage lautet: Was ist dem Staat politische Bildung oder Kultur wert? Wir müssen jedes Projekt der Normale mit einem extra Antrag einreichen. Während der acht Jahre unseres Bestehens ist es uns nicht geglückt, eine Person halbtags anzustellen. Unsere Förderhöhe ist seit Jahren eingefroren.
Bei einem Besuch in Barcelona bei einer Partnerorganisation unseres Netzwerkes habe ich gesehen, wie es auch sein könnte: Die erhalten eine Basisförderung, so dass sie sechs Personen ein Jahr lang an dem Programm ihres Festivals arbeiten lassen können, weil es der Stadt Barcelona das wert ist.
Ich habe den Eindruck, dass politische Bildung in Österreich unerwünscht ist. Man sieht es lieber, wenn das allgemeine Bildungsniveau bei der Kronenzeitung endet, weil das praktikabler im Umgang ist. Innerhalb Europas gibt da es wirklich eklatante Unterschiede, wie Subventionsvergaben, Abrechungsmodalitäten und Bildungsmaßnahmen gehandhabt werden
.“


 

Folgende Forderungen haben sich aus dieser
Diskussion herauskristallisiert:

 



 

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Christiane Krejs, Kunstraum NOE, lud zur Ausstellung „Mit uns ist kein (National) Staat zu machen“ ein
Das aktuelle Thema „Migration“ hat viele Menschen angelockt
Filmemacherin Ulli Gladik: „Ich fuhr alleine nach Bulgarien; Kamerateam konnte ich mir keines leisten.“
Medienkünstlerin Eva Brunner-Szabo (li.) erzählt Brigitte Mayr, dass sie „gegen das Vergessen arbeitet“
Eva Brunner-Szabo: „memoryPROJECTS ist ein virtuelles Museum, das Fakten sammelt und aufbereitet.“
Festivalleiterin Barbara Waschmann gründete 2003 das Dokumentarfilmfestival „die Normale“
Eigendefinition der russischen Künstlerin Lena Lapschina: „To make something from nothing.“
Gerda Lampalzers (Medienwerkstatt Wien) Credo: „Tut euch zusammen – kämpft gemeinsam!“
Regisseurin Sudabeh Mortezai: „Mir als halber Iranerin gestattet man keine Kritik an Österreich.“
Traurige Gemeinsamkeit des Panels: „Zum Überleben üben wir alle Nebenjobs aus.“
Das Publikum saß inmitten der Exponate der laufenden, polarisierenden Ausstellung
Mortezai (li.) und Waschmann stellen die Kernfrage: „Was sind dem Staat Bildung und Kultur wert?“
Schriftstellerin Karin Rick berichtete über unterschiedliche Fördermodelle innerhalb Europas
Podium unisono: „Erleichterung der Abrechnung für einen Film unter einer bestimmten Fördergrenze.“
Ein Globus als Sinnbild der Kooperationsmöglichkeiten: Vernetzung weltweit!