Gegen den Strom. Nur Mut!
 

Um ein Schiff vom Stapel zu lassen, also vom Ankerlichten bis zur freien Fahrt auf hoher See, fließt bisweilen viel Wasser die Donau hinab. Ähnlich verhält es sich beim Filmemachen: Bevor eine Idee greift, gilt es allerlei Stromschnellen zu überwinden, damit ein Konzept seine adäquate Umsetzung erfährt.

Über Eigenmotivation, Durchhaltevermögen, Strategien und Courage, um die eigene Film-Arbeit zu realisieren, sprechen folgende Gästinnen:

Iris Blauensteiner … Regisseurin, „Milch“
Nina Kusturica … Regisseurin, „Little Alien“
Tina Leisch … Film-, Text- u. Theaterarbeiterin, „Gangster Girls“
Judith Zdesar … Filmemacherin, „Spaß mit Hase“

Dienstag, 18. Mai 2010, 19 Uhr
Ort: Festsaal Schulschiff „Bertha von Suttner“ 
Donauinselplatz 1, 1210 Wien

Lotsinnen: Brigitte Mayr und Sabine Perthold

Fotodokumentation: Herti Hagen. -  Unterstützt von: Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur.




FRAUEN ARBEIT FILM am SCHULSCHIFF

Ein Bericht von Sabine Perthold


Der dritte Abend der Veranstaltungsreihe von FRAUEN ARBEIT FILM stand unter dem Motto „Gegen den Strom“. und beschäftigte sich mit dem Thema „Von der Idee zur Realisation“. Wie konnte das Schiff vom Stapel gelassen werden, wann war der Anker zu lichten, wann die Segel zu hissen, welche Flauten gab es dabei und welche Strategien setzen filmschaffende Frauen ein, um Schiffbruch zu vermeiden?

Dazu haben die beiden Organisatorinnen von FRAUEN ARBEIT FILM, Brigitte Mayr und Sabine Perthold, vier Filmemacherinnen eingeladen. Die Auswahl der vier Panelteilnehmerinnen erfolgte nach folgenden Kriterien: noch in Ausbildung befindliche Studentin und bereits in der Praxis aktive Filmemacherin, klassische Filmausbildung an der Filmakademie oder andere Ausbildungswahl. Iris Blauensteiner kommt aus der Medienkunst, Judith Zdesar hat Literaturwissenschaft studiert, Tina Leisch ist eine gestandene Theaterfrau, gleichzeitig Dramaturgin, Regisseurin, Co-Autorin und Projektleiterin ist. Und Nina Kusturica hat die Fächer Filmschnitt, Regie und Produktion studiert. Welche Auswirkungen haben diese Parameter auf die jeweiligen zukünftigen oder derzeitigen Arbeitsbedingungen und was heißt das für die individuelle Lebenskonzeption? Wie werden Themen/Inhalte gefunden und aufbereitet?

Trotz dieser unterschiedlichen Voraussetzungen eint die vier Abendgäste ein inhaltlicher Aspekt: Im Mittelpunkt ihrer Filme stehen Jugendliche mit ihren Problemen, Freuden und Alltagserlebnissen. Manche von den abgebildeten Jugendlichen versuchen auszubrechen, sich zu wehren, indem sie mutig gegen den Strom schwimmen.

Aufgrund dieser Gemeinsamkeit erschien das Schulschiff, ein an der Donauinsel ankerndes Schiff, in dem das Bertha von Suttner- Gymnasium untergebracht ist, als passender Veranstaltungsort. Benannt nach der Pazifistin und Schriftstellerin Bertha von Suttner, der 1905 als erster Frau der Friedensnobelpreis verliehen wurde.

Welche inflationäre Bedeutung die Taten dieser herausragenden Frau in der Zwischenzeit erfahren haben, zeigt sich daran, dass Bertha von Suttners Porträt ehemals die Tausendschilling-Banknote zierte; seit Bestehen der EU ist sie 2 Euro wert.

Wir entern das Schulschiff in friedvoller Absicht. Ein komisches Gefühl, über eine schmale Landebrücke zu gehen und den festen Boden unter den Füßen zu verlieren. Die zwei parallel nebeneinander liegenden Schiffe beherbergen 36 schwimmende Klassenzimmer. Durch die Fensterluken sieht man den breiten Donaustrom gemächlich vorüberziehen. Im geräumigen Festsaal, in dem FRAUEN ARBEIT FILM (FAF) stattfindet, riecht es ein wenig nach Prüfungsstress, da tagsüber die schriftliche Matura hier stattgefunden hat.
Eine kleine Seufzerbrücke verbindet die beiden miteinander vertäuten, 189 m langen, Schiffe.


„Filme sind wie Wesen, die man mögen muss…“


Die erste „Kapitänin“ des Abends ist Nina Kusturica. Der Filmausschnitt aus ihrem jüngsten Dokumentarfilm „Little Alien zeigt zwei junge somalische Frauen, Asha und Nura, die im Lager von Traiskirchen auf „die weiße Karte“ warten, mit der man sich bis zum Abschluss des Asylverfahrens rechtmäßig in Österreich aufhalten darf. In dem gezeigten Ausschnitt reden sie über Schönheitsoperationen, Shakira und Jennifer Lopez. Gerade das Beiläufige und Alltägliche ist wertvoll bei einer Thematik, die der breiten Öffentlichkeit nur über politische Polemiken und Nachrichtenbeiträge vermittelt wird. Little Alien zeigt jugendliche AsylwerberInnen, die versuchen, in Österreich ein neues Leben zu finden. Der Film hat internationale Auszeichnungen erhalten und wird mittlerweile an Schulen gezeigt.


In ihrem Statement berichtet Nina Kusturica über ihre Erfahrungen als Produzentin in Österreich: „Bei Fördergeber wurden wir nicht als Partner gesehen, sondern als – Frauen. Als Eva Testor und ich vor 7 Jahren die Produktionsfirma „Mobilefilm“ gegründet haben, erging es uns ähnlich wie den beiden Mädchen am Bahnhof in Little Alien, die sich nicht als Ausländerinnen gefühlt haben, bis sie als solche beschimpft wurden. Wir wurden zwar nicht beschimpft, aber ganz anders behandelt. Eine weibliche Künstlerin ist schon eine Zumutung; aber eine weibliche Produzentin ist offenbar eine Majestätsbeleidigung. Wir merkten, dass die Männer einen anderen Schmäh, eine andere Sprache andere Gesten haben. Kein Wunder, sie waren sehr lange unter sich!“

Kusturica wurde 1975 in Mostar geboren und ist in einer Künstlerfamilie in Sarajevo aufgewachsen. Bei Ausbruch des Krieges in Bosnien-Herzegowina kam sie im Jahre 1992 mit ihrer Familie nach Wien, „weil wir hier eine Verwandte hatten und es eine Buslinie hierher gab.“ An der Filmakademie Wien absolvierte sie ein Regie- und Schnitt-Studium. Bereits ihr Diplomfilm, „Auswege“, erzählt eine Geschichte, die entschieden gegen den Strom, den Mainstream schwimmt. Der abendfüllende Spielfilm thematisiert Gewalt in der Familie, eröffnete 2003 die Diagonale und war ebenfalls international überaus erfolgreich. „Auswege ist durch die intensive Kooperation zwischen dem Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser, Barbara Albert, die das Drehbuch schrieb und Nina Kusturica entstanden.
Als sie „Regie“ und „Schnitt“ fertig studiert hatte, dachte sie, dass ihr nun nur noch der Produktionsbereich fehle, um für einen Film von A bis Z verantwortlich zu zeichnen. Erst dann könne ihr niemand mehr ins Handwerk pfuschen. Gesagt, getan, es folgte die Gründung einer eigenen Produktionsfirma, in der nur Frauen arbeiteten. Die ersten drei Jahre waren sehr hart, „da uns niemand wahrgenommen hat“. Nicht nur mit den Geldgebern, auch mit Kollegen aus der Branche erlebte Kusturica skurrile Szenen; zu groß ist die Angst, dass eine neue Firma den vorhandenen Förderkuchen verkleinert. „Unsere Strategie heißt damals wie heute: „Aussitzen“, um unseren Platz zu behaupten.“

Geht ihr nie die Luft aus? „Natürlich ist es von Projekt zu Projekt ein neuerlicher Kraftakt. Aber wir arbeiten nur mit Menschen zusammen, die wie wir mit Feuer und Leidenschaft bei der Sache sind.“ Das gilt auch für Sabine Derflingers  im Rotlichtmilieu spielenden Film, „Tag und Nacht“, den die Mobilefilm produziert hat. 
Wie kommt die Regisseurin, Cutterin und Produzentin Kusturica zu ihren Themen, die meist die Schattenseiten des Lebens abbilden? „Ich habe mir nicht vorgenommen, Menschen zu zeigen, die sozial benachteiligt sind. Das passiert mir einfach, die Themen finden mich. Bei der Recherche sehe ich mich als Stellvertreterin, die für jemanden in einen Sachverhalt eintaucht, um etwas herauszufinden.“
Allerdings ist es eine ständige Gratwanderung zwischen administrativer / organisatorischer Unabhängigkeit und gleichzeitig kreativer Arbeit: „Natürlich habe ich manchmal eine Schere im Kopf, die mir die Kreativität ein wenig abzwackt. Dann frage ich mich: Muss ich wirklich immer alles selber machen? Welchen Preis zahle ich dafür in meinem Privatleben?

Als Rettungsanker gegen ein heraufdräuendes Burn-Out nennt Kusturica im FAF-Interview „die Ideen und die daraus entstehenden Filme. Wir verbringen ja mit den Projekten mindestens zwei Jahre. Filme sind wie Wesen, die um uns herum sind; wenn man sie nicht mag, wird´s nichts.“


„Ich liebe das Unheimliche ...“


Mit voller Kraft voraus geht es mit der jüngsten Teilnehmerin an diesem FAF-Abend weiter: Iris Blauensteiner. Sie hat bereits mehrere kurze Experimental- und Animationsfilme gedreht und studiert noch; allerdings nicht an der Filmakademie, sondern „Medienkunst“ an der Akademie der bildenden Künste Wien. Ihr am Schulschiff ausschnittweise gezeigter Film  „Milch“ ist ein unheimlich atmosphärischer Film, der viele inhaltliche Rätsel aufwirft. Ist die unkonventionelle Art, wie sie Geschichten erzählt, ihrer Ausbildung geschuldet? „Ich gönne mir die Freiheit, die einzelnen Arbeitsschritte von der ersten Idee bis zum fertigen Film nicht folgerichtig, sondern schräg zu denken. Ich möchte über Umwege Neues ausprobieren, um interessante Resultate zu erzielen.“

Deshalb experimentiert Blauensteiner mit Video, Film, Text und Installation. Im Gespräch mit Brigitte Mayr erläutert Blauensteiner ihre Arbeitsweise: „Ich gehe von den Bildern aus, nähere mich eher formal, experimentell. Daraus ergibt sich dann die Geschichte. Ich suche danach, wie man die Form ändert, um andere Geschichten zu kriegen.“

Das Abweichen von der klassischen Ausbildungsstätte für Film, der Filmakademie, bringt einerseits den Vorteil, andere Wege einschlagen zu können; aber auch Nachteile, zum Beispiel in produktionstechnischer Hinsicht. „An der Bildenden gibt es kaum ausreichendes Equipment. Es ist auch schwierig, ein Team zu finden, mit dem ich arbeiten kann.“ Immerhin erforderte der Kurzspielfilm „Milch“ ein Team von 40 Leuten.

Wie kommt die Filmemacherin zu ihren Themen? - „Generell interessieren mich Zustände des Unheimlichen. Ich bin immer auf der Suche nach Identität oder Sprache für etwas, was ich etwas anders ausdrücken will. Ich versuche eine eigene Sprache zu finden mit Hilfe der verschiedenen Medien“.
Blauensteiner will „Gegenbilder schaffen. Bei Milch war es ein fiktives Porträt einer jungen Frau, verschlüsselt und geheimnisvoll. Die dahinterstehende Überlegung war, dass man einen Charakter in nur 21 Minuten nicht umfassend darstellen, sondern bestenfalls nur einige fragmentarische Aspekte zeigen kann.

In dem Bereich des Kurzfilmformats sieht sich die 25-jährige Blauensteiner für die nächste Zeit gut aufgehoben. „Da kann ich experimentieren und viel lernen.“ Wie ihre Filme allerdings nach dem Studium das Publikum erreichen werden, ist noch ungewiss, denn „Milch ist mit 21 Minuten eindeutig zu lang für ein Kurzfilmfestival.“ Da heißt es dann, sich an Vermarktungsschienen orientieren …


Auf der Suche nach der eigenen Identität


Die nächste Kurzfilmerin, die den Sprung ins kalte Wasser wagt, ist Judith Zdesar. Der gezeigte Film Spaß mit Hase aus dem Jahr 2009 ist bereits ihr fünfter Kurzfilm. Wie bei allen ihren bisherigen Filmen hat sie Buch, Regie und Schnitt gemacht. Da sie Textspezialistin ist – sie studierte „Vergleichende Literaturwissenschaft“ an der Universität Wien – gehören Buch und Regie für sie zusammen: „Das Entstehen der Geschichte ist mir das Wichtigste. Mein Interesse liegt im Kreieren von neuen Dingen.“ Kein Wunder also, dass sie 2003 begonnen hat, „Drehbuch“ bei Walter Wippersberg an der Filmakademie zu studieren. Da „das Medium Drehbuch mit all seinen Regeln sehr trocken daherkommt“, belegte sie 2005 bei Michael Haneke das Fach Regie, „um das Geschriebene ins Dreidimensionale zu übersetzen.“

An diesem Abend wurde ein ausgewählter Ausschnitt aus ihrem Baccalauréatsfilm Spaß mit Hase gezeigt. Er lief 2009 auf der DIAGONALE und erzählt die Geschichte des 14-jährigen Johnny, dem die Grenzen zwischen Realität und selbstinszenierter Illusion verschwimmen. Nicht besonders beliebt, verbringt Johnny seine Zeit hauptsächlich damit, seinen einzigen Freund Chris mit kurzen Handyfilmchen zu beeindrucken. Als er im selbstbewussten Henk einen Konkurrenten wähnt, werden es immer wagemutigere Sets und Szenen, die Johnny zumeist unter „Zuhilfenahme“ seines kleinen Bruders realisiert.

Jedoch ist  „Spaß mit Hase gar nicht so lustig, wie der Titel vermuten lässt. Das rosa Hasenkostüm, das eine zentrale Rolle spielt, führt die Geschichte als Spiel ein, das ganz schnell ernst wird. Sie filmen, wie sie sich prügeln, und sie prügeln sich, um es zu filmen. Auf Schüler-Handys wird millionenfach Gewalt inszeniert und konsumiert. Im Szene-Jargon heißt das „Happy Slapping“ (engl. etwa für „lustiges Schlagen“). Dabei wird eine Körperverletzung, die meist unbekannten Passanten, aber auch Mitschülern oder Lehrern zugefügt wird, mit Handykameras abgefilmt und ins Netz gestellt.
Was hat die 30-Jährige an der Idee gereizt, einen Kurz-Spielfilm über ein Jugendphänomen zu drehen?

„Mut hat viel mit Ehrlichkeit zu tun“, sagt Zdesar in ihrem Eingangsstatement, „in meinem Film geht es um die Mutprobe eines Jungen, der seinem Freund beweisen will, wie toll er ist. Wenn ich mir meinen Film heute – in einem Zeitabstand von 1 Jahr ansehe – erkenne ich meine eigene Situation. Ich war damals noch sehr in der Akademie verankert. Gerade wenn man jemanden wie Michael Haneke als Lehrer hat, wird man extrem gefordert, um sich nicht erdrücken zu lassen von dem Ruhm, der einem da plötzlich gegenübersitzt.

Um diese zweifellos autobiografischen Fakten ein wenig von sich wegzuschieben, hat Zdesar – sozusagen als Schutzwall – zwei Buben als Protagonisten eingesetzt. „Insofern ist Spaß mit Hase mein ureigenster Entwicklungsfilm.“ Das Phänomen des „Happy Slappings“ wollte sie weder geschlechtsspezifisch zuordnen, noch moralisierend abhandeln; ihr ging es lediglich um den spielerischen Einsatz von verschiedenen Medien und Materialien (Handyfotos, Internet), um „andere Texturen in den Film reinzukriegen“.

Von diesem Prozess des „zu jemanden Aufschauen“, des Suchens nach der eigenen Identität hat sich Zdesar mittlerweile emanzipiert. Sie ist dankbar, den „Schutzraum“ der Akademie gehabt zu haben, aber nun will sie sich freischwimmen. Dazu muss sie sich folgende Fragen stellen: Wo stehe ich und wer ist mein Publikum? Dennoch hegt sie gewisse Zweifel am Medium Film selbst: „Alles muss beim Film hundertmal durchdacht werden; bis man endlich dreht, ist der faszinierende zündende Moment schon längst vorbei.

Es war ihr „unheimlich wichtig, das Handwerk von Buch, Schnitt, und Kamera zu erlernen“. Aber nun beginnt für Zdesar eine neue Phase.
In ihrem aktuellen Film Eine lange Nacht. erlebt sie es als „wohltuend, sich eine gewisse Freiheit ´erdreht´ zu haben.“

Von der Regie her sind die per Facebook gecasteten jugendlichen Laiendarsteller toll geführt. Welche Beweggründe veranlassen Judith Zdesar, Drehbuchautorin, Regisseurin und Cutterin in Personalunion zu sein? Wie schon eingangs erwähnt, bilden Buch und Regie für Zdesar eine Einheit. „Meine Filme einer Cutterin zu übergeben, bedarf sehr viel Mut. Erstens verschwinden die guten Cutterinnen sukzessive, und zweitens braucht es sehr viel Vertrauen, um in der Bildauswahl auf gleicher Ebene zu sein. Deshalb mache es lieber selber. Prinzipiell mag ich es gern, abgeschottet in einem intimen Raum im Dunklen zu sitzen.“


„Film als Sprachrohr für die Ausgesperrten unserer Wohlstandsgesellschaft“


Der Dokumentarfilm „Gangster Girls von Tina Leisch gibt Einblick in den Alltag des einzigen Frauengefängnisses Österreichs. Beherzte Insassinnen sprechen über ihren Alltag hinter Gittern. Die unterschiedlichsten Delikte haben sie hierher verschlagen – Betrügereien, Mordversuch, Beschaffungskriminalität, Raub oder Drogentransport. Frontal zur Kamera geben sie Auskunft über ihr Vorleben und schmieden zaghafte Pläne für die Zeit danach. Allerdings geschieht dies nicht in Form einer konventionellen Reportage.

Einmal pro Woche gibt es ein Freizeitprogramm in der Haftanstalt Schwarzau: Theaterspielen. Die Autorin, Film- und Theaterregisseurin Tina Leisch erarbeitete mit den einsitzenden Frauen das Theaterstück „Medea bloß zum Trotz“. Eine Kamera begleitet diese Probenarbeit, in die die Frauen ihre Lebenserfahrung und ihre derzeitige Situation des Eingesperrtseins einfließen lassen. Dicke Theaterschminke und Perücken machen die Protagonistinnen unkenntlich, wodurch Leisch zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: Sie verrät nicht die Identität der Gefängnisinsassen; weswegen diese viel lockerer vor der Kamera agieren.
Die Regisseurin Tina Leisch positioniert sich in einer dokumentarischen Tradition, die einer einfachen Abbildung von Wirklichkeit misstraut und die statt dessen selbstreflexiv, mit Brüchen, Interventionen, Irritationen und Inszenierungen arbeitet“, schreibt die Filmkritikerin Isabella Reicher. („Gefängnisalltag als Rollenspiel, in: Der Standard, 28./29. März 2009)

Die „Internationalistin“ (O-Ton Leisch) fühlt sich in allen Gewässern der Kunstproduktion zuhause. Sie hat keine klassische Ausbildung als Filmemacherin, aber anstatt „der Filmakademie das Stadtkino besucht“. Je nach Bedarf holt sie sich die Leute, die das Know-how besitzen.

In ihrem Eingangsstatement formulierte Leisch zwei Dilemmas, die sie in der Vermittlung sieht:  Wie kann man Inhalte erzählen, die nicht wieder nur jene Menschen erreichen, die sich ohnehin der jeweiligen angesprochenen Problematik bewusst sind? Was ist, wenn Gangster Girls nur von den Leuten gesehen worden ist, die vielleicht ohnehin offen waren für die Thesen des Films? - Wie holt man neue Publikumsschichten ins Boot?

Der „praxiserprobte Berufsrevolutionärin“ (wiederum O-Ton Leisch) liebt den Begriff Klassenkampf. „Ich weiß, er ist unmodern, aber es ist nun mal eine Tatsache, dass Geld, Macht und Ausdruckfähigkeiten ungleich verteilt sind. In meiner Arbeit geht es immer darum, Leuten, die nicht gehört werden, eine Sprache zu verleihen.“ Wie etwa der Kinofilm „Gangster Girls“ hinter die Gefängnismauern blickt, durch die die Weggesperrten überhaupt nicht mehr gehört werden können.
Leisch ist es wichtig, eine Sprache/Form zu entwickeln, um Dinge auszudrücken. Das tat sie in der Vergangenheit gemeinsam mit Migrantinnen (2005 in Elfriede Jelineks Stecken, Stab und Stangl) und in mehreren Arbeiten mit einer Roma-Theatergruppe (u. a.: „Schneid deinen Ärmel ab und lauf“, 2009). Mit den Bewohnern des Männerwohnheims Meldemannstraße inszenierte sie „Mein Kampf“ von George Tabori und erhielt dafür den Nestroypreis 2003 für beste Off-Theaterproduktion.

Leischs Blick auf die Probleme der „Outlaws“ unserer Gesellschaft ist ein professioneller. Darin sieht sie das zweite Dilemma. „Mein Team und ich sind geschult. Wie soll der Transfer mit den Menschen, die nicht diese Privilegien hatten, funktionieren?“ Selbst wenn sie gegen den Strom schwimmt, indem sie „Randgruppen“ eine Stimme verleiht, so ist sie sich nach wie vor der Gefahr bewusst, ihnen das Wort an der falschen Stelle zu kappen, und so wieder etwas Aufgepfropftes zu konstruieren.

Um das tunlichst zu vermeiden, veranstaltet kinoki, „Verein für audiovisuelle Selbstbestimmung“, Filmabende zum Thema politischer Dokumentarfilm, an denen die Menschen selber Filme machen und sich so artikulieren. „Es geht uns um Empowerment von unten“, sagt Tina Leisch, Mitbegründerin von kinoki.

Als regelmäßig wiederkehrende Flauten empfindet Leisch die Ablehnungen ihrer Projekte durch der Fördergeber mit der Begründung, dass sie mit Laien arbeite.
Leisch, die gerade den Spielfilm Der süße Zauber dreht, antwortet auf die Frage, warum sie ihre Theaterexperimente in gesellschaftlichen Konfliktzonen nun zugunsten des filmischen Formats ein wenig hintanstellt: „Theater ist hoffnungslos im 19. Jahrhundert verankert und somit nur in den seltensten Fällen dazu geeignet, aktuelle Geschichten zu erzählen. Sinnvoll halte ich Theater dann, wenn das Erarbeiten des Stückes die beteiligten Menschen weiter bringt. Ich benütze das Theater, um etwas zu entwickeln. Vier Jahre Theaterarbeit gingen dem Film Gangster Girl voraus.“
Auch die Reichweite spielt bei der engagierten Textarbeiterin eine Rolle: Die Theaterstücke hatten zwischen 500 und 1.000 BesucherInnen, Gangster Girls haben über 5.000 Leute gesehen.

 

Wo gibt es noch dringenden Handlungsbedarf?

 

Nach einem kleinen Umbau fanden sich dann alle vier Regisseurinnen mit den beiden Lotsinnen zu einer gemeinsamen Schlussdiskussion ein. Es ging um Eigenverantwortung der Filmemacherinnnen, um gesellschaftspolitische Auswirkungen des Mediums Film und um Förderusancen.
 
 

Auszugsweise einige Statements:
 

Nina Kusturica: eröffnete mit der Frage: „Wo beginnt die Verantwortung für uns als Filmemacherinnen? Bei Little Alien haben wir versucht, die jugendlichen AsylwerberInnen nicht noch mehr zu traumatisieren. Aber wo ist die Grenze?“

Judith Zdesar: „Bei Spaß mit Hase kannten die Jugendlichen das Drehbuch. Aber bei einer Dokumentation ist das etwas anders, da man den sogenannten „echten“ Menschen filmt.“

Nina Kusturica: „Selbst wenn die in deinem Film mitwirkenden Kinder das Drehbuch gekannt haben, stellt sich die Frage: Wann muss man die Protagonistinnen schützen, wenn sie blöd rüber kommen? Die Wenigsten wissen, worauf sie sich einlassen – wie ein Bild wirkt.“

Tina Leisch: „Ein Wort zur Authentizität: Aus unseren Theater-Improvisationen erhielten wir paradoxes Rohmaterial. Unsere Wirklichkeit ist dermaßen von Film und TV geprägt, dass es vielen Menschen gar nicht mehr bewusst ist. In dem Moment, wo ich die Kamera aufstelle, spielen sie das Klischee dann einfach nach, das ihnen die Medien vorgaukeln. - Wie entkommen wir diesem Zirkel, dass sich die Leute so darstellen, wie sie es im Fernsehen gesehen haben?“

Auf die Frage, ob Film gesellschaftliches Bewusstsein beeinflussen oder ein politisches Umdenken initiieren kann, antwortet Tina Leisch: „Wieviele Tage Schubhaft hat Nina Kusturica durch ihren für Asylwerber abschreckenden Film Little Alien der österreichischen Republik erspart?“

Angeprangert wird unisono, dass die Frauengagen für Regie und Kamera viel niedriger sind als für die männlichen Kollegen. Hier ist dringend Lobbyismus zu betreiben, um für diese Ungerechtigkeit ein öffentliches Bewusstsein zu schaffen.

Nina Kusturica erkennt zwar Fortschritte – zum Beispiel, dass nun die erste Generation Kamerafrauen heranwächst; aber „bei der Produktion schaut´s weiterhin traurig aus. Die Platzhirsche haben Angst. Die alten Haudegen sind jetzt zwischen 50-70 Jahre alt und da sollte möglichst niemand nachkommen.“

Ein anregender Ausklang fand bei einem Buffet und intensiven Gesprächen am Sonnendeck des Schulschiffes statt. Von Ferne funkelte die Skyline Wiens.

 



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Für den reibungslosen Ablauf verantwortlich: 'Maschinistin' Iris Hajicek
Judith Zdesar im Gespräch mit Sabine Perthold: Ist Filmen eine Mutprobe?
Tina Leisch (im Gespräch mit Brigitte Mayr) fühlt sich in allen Gewässern der Kunstproduktion zuhause
Textspezialistin Judith Zdesar trifft auf Medienkünstlerin Iris Blauensteiner
Tina Leisch und Nina Kusturica prangern an, dass die Gagen der Regisseurinnen viel niedriger sind als jene ihrer männlichen Kollegen
Zdesar und Blauensteiner: Welche Strategie-Kurs verfolgen Filmemacherinnen innerhalb der männlich dominierten Filmbranche?
Iris Blauensteiner gönnt sich den Luxus, nicht folgerichtig, sondern 'schräg' zu denken
Sind die Produktionsbedingungen, die Filmschaffende vorfinden, geschlechtsneutral?
Nina Kusturica: "Die Platzhirsche haben Angst ..."
Iris Blauensteiner und Tina Leisch: "Gegen den Strom schwimmen und Gegenbilder schaffen ..."
Tina Leisch: "Nina Kusturica hat dem österreichischen Staat mit 'Little Alien' unzählige Tage Schubhaft erspart."
Karin Macher, Su Wastl und Barbara Fränzen wissen, dass es für filmschaffende Frauen nur wenige Rettungsringe gibt
Hitzige Diskussion: Wie kann das eigene Projekt vor dem Schiffbruch bewahrt werden?
Barbara Fränzen, Leiterin der Filmabteilung des BMUKK und Judith Zdesar im Gespräch über Rahmenbedingungen des Filmschaffens
Iris Blauensteiner: „Generell interessieren mich Zustände des Unheimlichen“
Durch Eigenmotivation und Courage haben Zdesar, Blauensteiner und Kusturica ihre Filme in den sicheren Hafen gebracht
Für Iris Blauensteiner ist der Anker der Geschichte das Formale: „Ich gehe von den Bildern aus“
Die beiden Schülerinnen des Bertha von Suttner- Gymnasiums entpuppten sich als Fans von „Little Alien“
Beim informellen Ausklang werden die Netze nach neuen Kontakten ausgeworfen
Zwei Literaturexpertinnen an Bord: Karin Rick (re.) und Judith Zdesar